2013 war…

Huch, schon Februar? Oh, dann wird es aber mal Zeit für meinen leider etwas verspäteten Jahresrückblick. Bitteschön! Also, 2013 war…

…gesundheitlich: Keine Frage, 2013 stand ganz im Zeichen des Diabetes Mellitus. Bereits im Januar habe ich die Auswirkungen gemerkt, am 2. Februar dann die vorläufige Diagnose – da war 2013 für mich schon “am Arsch“. Ich habe versucht, das beste daraus zu machen. In meiner Diapraxis fühle ich mich gut versorgt, und in der #dedoc Community gut aufgehoben. Nicht zuletzt habe ich mit Insulinaspekte einen Blog zum Thema geschaffen. Weiterhin habe ich über 10 Kg an Gewicht verloren. Dafür aber etwas weniger Sport getrieben als 2012 – das muss wieder besser werden.

…beruflich: Hier der positive Gegenpol – Studienabschluss! Fuck’in Diplom endlich in der Tasche, direkt eine Promotionsstelle angetreten – besser gehts nicht.

…urlaubstechnisch: schön! Zwei Wochen wandern, ausspannen, das hat richtig gut getan!

…kulinarisch: die Feststellung, dass es in Kiel doch noch kleine, richtig gute Lokale zu finden gibt, die ich noch nicht kenne. Dank Zombiebunker weiß ich nun, wo es die leckersten Burger überhaupt gibt. Omnom!

…literarisch: Ich habe Robert Harris für mich entdeckt. Angefangen bei Vaterland (mehr dazu hier), und dem nicht ganz so großartigen, aber immer noch fantastisch geschriebenen Angst.

…cineastisch: Ich war kaum im Kino. Django, Man of Steel, Star Trek Into Darkness, Rush. Ich gelobe, 2014 wieder öfter ins Kino zu gehen. Darum: Django war toll, Rush ebenfalls, Star Trek ok, Man of Steel Grütze.

…podcastig: Oh yeah, 2013 war ein fantastisches, brilliantes, großartiges Podcastjahr! Auf der Hörerseite habe ich einige olle Kamellen aus meinem Instacast herausgeschmissen, dafür aber neue, tolle Podcasts abonniert. „Podcast des Jahres“ – das ist für mich sehr schwierig zu bestimmen, darum einfach mal meine Top 3 ohne Reihenfolge: Logbuch:Netzpolitik, wegen der guten Aufarbeitung der NSA-Facepalms, Stay Forever – weil nirgendwo unterhaltsamer über alte PC-Spiele gesprochen wird, und Second Unit – weil Christian und Tamino es schaffen, auf einem unterhaltsamen, konstant hohen Niveau unermüdlich Woche für Woche einen anderen Film durchzukauen.
Auf der Macherseite steht da natürlich PlayTogether, mit vielen neuen Hörern und neuen, ganz tollen Gästen. 2014 wollen wir weiter wachsen, mehr Gametalks aufzeichnen, ein neues Logo einführen und im Hintergrund den Produktionsablauf komplett umkrempeln. Weiterhin habe ich 2013 zwei Gastspiele gehabt – zunächst bei Second Cut, und zum Jahresabschluss beim tollen Crossover mit Second Unit. Hat sehr viel Spaß gemacht, und wer weiß, was 2014 in der Hinsicht noch bringen wird!

…spielerisch: Ich habe in der ersten Jahreshälfte viele ältere Spiele nachgeholt, und in Deus Ex: Human Revolution eines der tollsten Spiele der letzten Jahre entdeckt. Da werde ich sicherlich noch einmal in den Directors Cut hineinschauen. Zum Sommer hin kam ich dann in eine Spieleflaute, wo ich phasenweise einfach keine Lust hatte, etwas neues anzufangen. Die letzten Monate standen dann aber komplett Grand Theft Auto V zu, welches einfach in so gut wie jeder Hinsicht überzeugen konnte. Lange keinen Blockbuster mehr erlebt, der wirklich alle Erwartungen erfüllen oder sogar übertreffen konnte! Für 2014 habe ich mir vorgenommen, Nintendo wieder zu unterstützen. Endlich wieder Mario spielen! Die Wii U ist angeschafft, und da ich die Wii ja quasi ausgesessen habe, steht da ein riesiges Archiv an ungespielten Spieleperlen vor mir, die noch gesichtet werden müssen. Mehr dazu bei PlayTogether!

…serientechnisch
: Dank Watchever ging 2013 hier einiges! Ich habe mir Breaking Bad komplett reingezogen und bin immer noch baff. Endlich mal wieder eine Serie mit einem würdigen Ende. Wenn es eine Serie schafft, auch noch nach Monaten in meinem Kopf herumzuschwirren und mir einige Schlüsselelemente wieder vor Augen zu führen, muss es eine gute Serie gewesen sein. Eine verdammt gute. This!

…menschlich: Person des Jahres ist eindeutig Edward Snowden, da gibt es gar keine Zweifel. Parallel dazu etliche Politiker, die man wirklich in der Pfeife rauchen könnte: Pofalla, Friedrich, und unsere ehemalige Kieler OB Susanne Gaschke. Mit Wohlwollen stelle ich fest, dass sie alle zurecht nicht mehr im Amt sind.

…politisch: Chancen waren da, Chancen wurden vertan. Die aktuelle Bundesregierung könnte mir nicht egaler sein. Und das ist traurig.

…sportlich: Kein großes Turnier, da wird 2014 mit Olympiade und Fußball-WM deutlich spannender. Bayern kauft weiterhin die Tabellenspitze und sorgt für Langeweile – was man allerdings auch vielen mutlosen Konkurrenten ankreiden muss. Aber immerhin gab es ein starkes Champions League Finale. In der Formel 1 passierte das, was ich nicht unbedingt erwartet hätte: Red Bull dominierte wie nie zuvor, Ferrari hatte nichts entgegenzusetzen, McLaren war eine glatte Enttäuschung. Fahrer des Jahres ist für mich (neben Vettel, aber den lasse ich mal außen vor) Roman Grosjean, der in diesem Jahr wirklich gereift ist und sein Rüpelimage ablegen konnte.

2014 wird…

ein bisschen was habe ich im Text ja schon angedeutet. Wenn ich hier zurückdenke an meine Vorsätze 2013, dann ist daraus leider nicht viel geworden. Das Ziel, eine neue Programmiersprache zu lernen, konnte ich keineswegs umsetzen. Dafür kamen zu viele Stolpersteine in den Weg, Diabetes, die Diplomarbeit zog sich zu lange hin, etc. Darum setze ich mir das auch dieses Jahr nicht wieder als Ziel. Ich habe ein noch geheimes Projekt in der Hinterhand, welches zum späten Frühjahr hin vielleicht mal in die Puschen kommen wird. Ich will mehr podcasten, und in der Promotion meine erste Publikation einreichen. 2014 sieht finanziell auch weit besser aus als 2013, so dass ich die ein oder andere Neuanschaffung tätigen kann, die ich bisher immer aufschieben musste.
Und ich will weiterhin die Diabetes-Sau unter Kontrolle behalten!

Vaterland

Mal wieder eine der selten gewordenen Leseempfehlungen von mir, aber dieses bereits etwas ältere Werk hat es wirklich verdient.

Deutschland hat den zweiten Weltkrieg „gewonnen“. Was wäre wenn… mit dieser Frage hat sich Robert Harris bereits vor 20 Jahren in seinem spannenden Roman „Vaterland“ beschäftigt. Die Geschichte um Kommissar März, der mit einem Leichenfund an einem Seeufer konfrontiert wird, beginnt im großdeutschen Reich, in Berlin, im Jahre 1964. In wenigen Tagen feiert Adolf Hitler seinen 75. Geburtstag, und zudem hat sich US-Präsident Joseph Kennedy angekündigt – erste Annäherungen der beiden Großmächte USA und Deutschland deuten sich an, die sich im Kalten Krieg befinden.

Ich mag diese postapokalyptischen Szenarien – dieses hier ganz besonders. Harris beschreibt seine Szenerien höchst detailliert, düster, beklemmend. Als Leser geht man natürlich mit einigem an Vorwissen an diese Geschichte heran, und Harris schafft es, den Leser auch vollständig mitzunehmen. Die Trennung der wahren und der fiktiven Ereignisse findet etwa um 1942 bis 1943 statt – der Wendepunkt in Stalingrad hat also nicht stattgefunden, ebenso wie die Großoffensive der Normandie. Der Zeitpunkt – 1964 – bedeutet weiterhin, dass Berlin nach den Vorstellungen von Albert Speer gestaltet werden konnte. Natürlich wurde Germania mit der Großen Halle gebaut und mehrfach in „Vaterland“ erwähnt. Die Ostbesiedelung, nach Hitlers Vorstellungen, ist im vollen Gange, mehr oder weniger erfolgreich. An der Ostfront tobt weiterhin der Krieg, aber niemand weiß so richtig, was genau dort vor sich geht.

Fragen, die man sich während des Lesens stellt, werden fast automatisch aufgegriffen. Was weiß man eigentlich über den Holocaust? Welche Macht haben Geheimdienste und Gestapo? Wie sind die deutschen Außengrenzen gestaltet? Neben all diesen spannenden Außenelementen wird noch eine spannende Kriminalgeschichte mit mehreren unerwarteten Wendepunkten erzählt, die in einem höchst gelungenen Ende mich als Leser baff zurückgelassen hat.

Ich habe das Buch auf deutsch gelesen, im Original ist das Buch unter dem Titel „Fatherland“ erschienen. Die deutsche Übersetzung ist dabei wirklich gelungen. Zumal Harris zahlreiche Zitate aus Originaldokumenten eingesponnen hat, die in der englischen Version natürlich übersetzt wurden und hier originalgetreu wiedergegeben werden können. Weiterhin ist der Hauptprotagonist natürlich deutsch, und der Übersetzer (Hanswilhelm Haefs) konnte so an dem ein oder anderen Dialog Berliner Dialekt einfließen lassen, als auch Gespräche mit amerikanischen Protagonisten realistischer wiedergeben.

Dies war außerdem der erste Roman, den ich von Robert Harris gelesen habe – und sicherlich nicht der letzte. Ich habe lange nach einer E-Book Version von „Vaterland“ gesucht und nirgends gefunden, dann endlich erschien sie Ende August für kindle und co.

Insulinaspekte

Aus gegebenem Anlass habe ich einen neuen Blog gestartet. Zu einem Thema, das ernster ist, als ich mir den Jahresbeginn 2013 je hätte vorstellen können. Die Diagnose: Typ 1 Diabetes.
Das Thema werde ich aus diesem Blog weitestgehend raushalten. Aber wer möchte, darf dort gerne mitlesen, kommentieren, abonnieren.

Hier geht’s lang:
insulinaspekte.de
Twitter: @insulinaspekte

Kindle Nachschlag

Nun, seit meinem Ersteindruck zum Kindle im Dezember letzten Jahres hat sich einiges getan. Gerade habe ich das zehnte Buch auf dem Gerät durchgelesen (Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede), und daher gibt es noch mal einen Nachschlag zu diesem tollen Gerät.

Da ich zu Beginn diesen Jahres viel auf Reisen/Forschungsschiffen und meist auch fernab vom Netzzugang war, hat sich hier der Kindle besonders bewährt. Ein Stromkabel hatte ich gar nicht erst eingepackt, das war auch nicht notwendig. Zum einen, weil die Ausdauer wirklich enorm ist, zum anderen, weil ich auch nicht der einzige mit einem Kindle an Bord war. Amazon gibt die Akkulaufzeit mit einem Monat an, meiner Schätzung nach schafft man mit einer Akkuladung etwa 2000-3000 Seiten (Refresh bei jedem Umblättern, die Eigenentladung des Akkus und eventueller Wifi Zugriff nicht mit einberechnet).

Vor kurzem gab es auch das erste richtige Software Update (Version 4.1.0), welches sich selbstständig über Nacht installiert und mir am nächsten Morgen in einer separaten Datei angezeigt hat, welche Änderungen es umfasst. Hervorragend! Geändert hat sich nicht viel, es umfasst eher Dinge wie Kindersicherung und Flugmodus, aber immerhin. An der Präsentation der Bücher selbst gibt es durchaus noch einiges zu feilen.

Here’s an image of a page from The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy, describing The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy, on an e-reader that resembles The Hitchhiker’s Guide To The Galaxy. (Quelle)

Ebenfalls aufgefallen ist mir, dass Amazon den Kindle nun auch in Kaufhäusern (etwa Karstadt) verkauft. Dort hatte ich auch endlich mal Gelegenheit, mir den mittlerweile in Deutschland verfügbaren Kindle Touch anzusehen. Dieser präsentiert die Bücher tatsächlich etwas anders, Amazon hat hier vor allem den Shop mehr durchdacht. Doch die Entscheidung, die seitlichen Tasten zum Umblättern gänzlich wegzulassen, finde ich nicht sehr vorteilhaft, da ich diese bei meinem Kindle sehr schätze. Dafür gibt es ihn auch mit 3G. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn man viel in der Welt unterwegs ist und sich keinen Vorrat an Lesestoff angelegt hat.

Die schon in meinem Ersteindruck angesprochene Ordnerstruktur hat sich bei mir durchgesetzt.
-Auf meinem Homescreen liegt zunächst das Buch, welches ich aktuell lese.
-Im Ordner “wish list” liegen die Leseproben von Büchern, in die ich mal reinschauen möchte oder die ich mir vorgemerkt habe.
-Die “to do list” umfasst Bücher, die ich bereits gekauft habe oder kostenlos abgestaubt hab.
-Im “Bücherregal” liegen meine bereits gelesenen Werke. “Amazon” umfasst Sachen wie das Handbuch oder auch die Update Informationen.
-”Wörterbücher” ist ein Ordner, der sich mit dem letzten Update von selbst installiert hat und, nun ja, eben die verschiedenen Wörterbücher umfasst.
-Und zu guter letzt gibt es noch das “Archiv”, in das Amazon die gelöschten Dinge wie pdfs und Bücher verlinkt, falls man sie erneut herunterladen möchte. Speicherprobleme gibt es jedenfalls keine, von den 2GB Speicher nutze ich nicht mal 5%.

Apropos kostenlose Bücher: Über den Twitter Account @ebooksfuerlau wird man diverse meist temporär kostenlose Bücher aufmerksam gemacht, in denen sich auch so mancher Geheimtipp verbirgt. Überhaupt bin ich durch die Aktion von Amazon im letzten Jahr, als es für einen Tag das Buch 1Q84 Teil 1&2 von Haruki Murakami für 0 Euro gab, auf eben diesen Autor aufmerksam geworden. Das Werk, aufgeteilt in drei Teile, von denen ich den dritten direkt nachgekauft habe, ist brilliant, und seither hole ich ältere Werke von Murakami-san nach, verschlinge diese regelrecht. Großartig, absolute Empfehlung!

Fehlerhafte Bücher gibt es immer noch. Von den deutschen Büchern, die ich auf dem Kindle gelesen habe, ist jedes zweite fehlerbehaftet. Häufigster Mangel sind hin und wieder fehlende Leerzeichen, die durch einfaches Korrekturlesen vermeidbar gewesen wären. Im deutschen stört generell, dass der Kindle keine Silbentrennung beherrscht – das macht oft den Blocksatz zunichte. Im englischen stört dies hingegen kaum. Ebenfalls störend ist die fehlerhafte Seitenanzeige. Manchmal ist sie von Beginn an vorhanden, bei einem anderen Buch wird sie erst später angezeigt – und wiederum bei einem anderen Buch bleibt einem nur die Positionsanzeige zur Orientierung. Auch kommt es vor, dass ein Buch schon bei 80% von Fortschrittsbalken zu Ende ist, und der Rest vom Anhang gefüllt wird.

Viele Bücher bringen auch ein eigenes Layout mit, und der Kindle bietet dann an, ob man das Layout vom Verlag oder das Kindle-eigene Layout nutzen möchte. Ich schalte immer auf das Kindle-Layout um, weil ich die immer gleiche Schriftgröße und Schriftart sehr schätze. Trotzdem scheint sich der Kindle meine Auswahl in der Schriftgröße nicht zu merken, denn wenn ich ein neues Buch anfange, wird die Schrift fast immer zunächst eine Stufe zu groß angezeigt.

In Sachen Auswahl an Büchern hat sich einiges getan. Viele Bücher, die ich anfangs noch vermisst habe, sind mittlerweile verfügbar. Auch mit der Erstellung vom .mobi Format habe ich mich schon mal befasst. Wie ein EPUB aufgebaut ist, kenne ich schon länger, und ein Tool zur Konvertierung von EPUB zu .mobi bietet Amazon selbst an (natürlich nur, wenn das EPUB frei von DRM ist). Der Versuch, den Kindle zum Anschauen von PDF-Vorlesungsfolien zu nutzen, ist wie erwartet an den beschränkten Zoom Funktionen kläglich gescheitert.

Mein Fazit fällt auch ein halbes Jahr später noch ausgesprochen positiv aus. Der Kindle hat sich sehr bewährt und gehört zu den meistbenutzten “Gadgets” hier bei mir. Der Vorteil, von jedem Buch eine kostenlose Leseprobe zu bekommen, ist äußerst praktisch. Und gerade draußen auf dem Balkon, wo man auf dem iPhone in der strahlenden Sonne nichts mehr erkennen kann, kommt der Kindle ganz groß raus. Ich habe aber auch beobachtet, dass bei Wärmeeinstrahlung die Umschaltzeiten merkbar größer werden. Die Konkurrenz scheint immer noch nicht auf dem richtigen Weg zu sein, zumindest die meisten Mitbewerber. Barnes & Nobles hat im März diesen Jahres angekündigt, nach Europa zu expandieren und damit den Nook nach Deutschland zu bringen. Thalia ist ebenfalls auf einem ganz guten Weg und bietet verschiedene Reader mit Direktzugriff auf ihren eigenen Store an.

Mein nächstes Buch lese ich übrigens nicht auf dem Kindle. Richtiges Papier muss auch mal wieder sein.

kindle

Schon länger hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mir einen E-Book Reader zuzulegen, aber es haperte bei diesen Geräten doch irgendwie immer irgendwo. Vor allem in Deutschland ist der Markt einfach noch zu jung gewesen, entsprechend haperte es an brauchbaren Geräten und insbesondere an dem nötigen Futter für diese Geräte. In den USA ist der Kindle von Amazon schon seit einigen Jahren der Topseller schlechthin, und auch die Konkurrenz, insbesondere Barns & Nobles, mischt tatkräftig mit. Und Deutschland? Dümpelte irgendwo zwischen Not und Elend umher. Es gab hier und da einen Reader von Sony und Konsorten, aber keine nennenswerte Anlaufstelle die man wirklich empfehlen konnte.

Mittlerweile sieht die Situation bedeutend anders aus – bedeutend besser, um genau zu sein. Thalia hat sich als recht starker E-Book Anbieter herausgebildet, und der Oyo (bzw. Oyo 2) ist auch ein nettes Gerät, wenn auch nicht state-of-the-art. Und dann kam Amazon mit dem Kindle über Zwischenstufen (zunächst als offizieller Import) endlich nach Deutschland. Was mich immer am meisten gestört hat: Die Tastatur, die unten an dem Gerät angebracht war. Für meine Anwendungsfälle wirklich unnötig, da die Bücher viel angenehmer über die Amazon Website gekauft werden können und von dort aus an den Kindle als auch an alle anderen Kindle Apps gesendet werden können. Entsprechend fand ich den Kindle der dritten Generation für mich eher uninteressant. Und siehe da, Ende September kündigte Amazon endlich meinen Wunschkindle an: Keine Tastatur mehr. Dieses Argument trifft auch auf den neuen Kindle touch zu, aber den gibt es noch nicht in Deutschland. Der neue Kindle 4 ist dafür leichter, hat kein 3G (nicht mal optional) und ist schlicht auf das Wesentliche reduziert – und mit 99€ auch spottbillig. Ich habe das Gerät dann direkt vorbestellt und pünktlich am Releasetag im Oktober diesen Jahres in den Händen gehalten.

Da ich den Kindle 3 schon vorher mal ausprobieren konnte wusste ich, was mich erwarten würde: Ein Lesegerät, ideal für Fließtext und sonst nichts. Der Bildschirm ist schlicht der absolute Knaller. Als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich, dass auf dem Display noch die Schutzfolie klebte, und wollte diese gerade abziehen – als ich dezent darauf hingewiesen wurde, dass es nur der Stand-By Bildschirm sei. Da das E-Ink Display nur dann Strom verbraucht, wenn umgeblättert wird, bietet sich diese Lösung ja auch geradezu an – und wird beim werbefinanzierten Kindle (nur in den USA angeboten) auch ausgenutzt, indem das Gerät dort im Standby einfach Werbung anzeigt.
Der Kindle 4 hat so ziemlich den gleichen Bildschirm wie der Kindle 3, wenn überhaupt hat sich nur marginal etwas verändert. Größe und Auflösung sind identisch, das Umschalten der Pigmente geht immerhin so flott voran, dass es beim Umblättern von Seiten nicht stört. Hier ist mir aber auch schon eine erste Ungereimtheit aufgefallen: Ein kompletter Refresh des Bildschirms findet im Auslieferungszustand nur alle 6 Seiten statt. Das soll dafür sorgen, dass die Ausdauer des Akkus verlängert wird und das Umblättern noch schneller voran geht, und sorgt dann z.B. auch dafür, dass Amazon als Ausdauer z.B. 40.000 statt 4.000 Seiten angeben kann. Mich nervte das dann aber doch recht rasch, denn wenn kein kompletter Refresh des Bildschirms zwischen zwei Seiten stattfindet, entsteht Ghosting. Abhilfe schafft hier das Update der Software auf Version 4.0.1, welches aber manuell von der Amazon Website heruntergeladen werden muss – der Kindle selbst weist einen nicht darauf hin. Nach Abschluss des Updates kann man aber wählen zwischen Refresh nach jedem Umblättern oder nach jedem 6. Mal.

Das erste, was man macht, wenn man seinen nagelneuen Kindle in den Händen hält? Stöbern! Im Auslieferungszustand ist bereits der Account, mit dem man den Kindle bestellt hat, angemeldet. Mich hat nur gewundert, dass ich mit meinem Konto bei Amazon.com angemeldet war, obwohl ich bei Amazon.de bestellt hatte. Erst als ich von Amazon.de eine Leseprobe an meinen Kindle schicken wollte, wurde ich gefragt ob ich die Region wechseln möchte. Der Vorgang des Stöberns auf der Website ist übrigens fantastisch gelöst: Gefällt mir dort ein Buch, kann ich es gleich bestellen oder per Knopfdruck eine Leseprobe an den Kindle schicken – wenn dieser im WLAN eingeloggt ist, erscheint dort innerhalb weniger Sekunden das Buch auf dem Hauptbildschirm. Einfach magisch. Der Shop ist aber auch ganz gut in den Kindle selbst integriert.

Nachdem ich mir ein paar Leseproben geschickt hatte, war der Hauptbildschirm schon gut gefüllt mit unsortierten Büchern. Um Herr der Lage zu werden, habe ich also erstmal einen Ordner „To-Do-List“ angelegt, und alle Leseproben dort hinein geworfen. Und so handhabe ich das ganze auch weiterhin: Das Buch, was ich aktuell lese, liegt auf dem Hauptbildschirm, der Rest entweder in meinem To-Do Ordner oder in meinem Ordner, ich dem die fertig gelesenen Bücher landen. Irgendwann habe ich vielleicht mal so viele Bücher dort gesammelt, dass ich die nach Genres oder Autoren oder wie auch immer sortieren kann.
Insgesamt aber könnte die Präsentation der Bücher besser sein. Auch wenn das Display nur Graustufen kann, könnte man doch eine Art digitales Bücherregal anregen, wie Apple das in iBooks macht. Vielleicht kommt da ja noch was in der Richtung bei zukünftigen Geräten oder Software Versionen.

Die Leseproben umfassen weitesgehend den Beginn des Buches. Öffnet man ein frisch heruntergeladenes Buch, öffnet sich automatisch die erste Seite des Kapitels. Man kann aber natürlich zurückblättern und sich das Inhaltsverzeichnis und das Cover ansehen, welches ganz gut auf dem Display wirkt. Wäre doch schon, wenn das Cover des zuletzt geöffneten Buches auf dem Standby Screen erscheinen könnte, oder? Die random-Bilder, die dort erscheinen, können aber leider nicht beeinflusst werden.
Möchte man das Buch kaufen, kann man das dann direkt von der Leseprobe aus machen – es wird dann aber als komplettes Buch erneut heruntergeladen und nicht etwa freigeschaltet. Man hat dann also zweimal das Buch, und muss die Leseprobe manuell löschen. Umständlich, aber ok.

Wie ist also das Leseerlebnis auf dem Kindle? Zunächst einmal beginnt man damit, sich die Darstellung des Textes angenehm einzustellen. Es gibt 8 verschiedene Schriftgrößen, mit oder ohne Serifen, kleiner bis großer Zeilenabstand und wenige bis möglichst viele Wörter pro Zeile. Leider gibt es keine Silbentrennung, was mich doch etwas verwundert hat. So ist der Blocksatz oftmals etwas zerpflückt. Hoffe, dass das in Zukunft noch möglich sein wird.

Das erste Buch, was ich direkt auf dem Kindle gekauft und dann auch recht rasch durchgelesen habe, war das Reisetagebuch „Ich bin dann mal weg“ von Hape Kerkeling, was ich schon seit längerer Zeit mal lesen wollte. In Sachen „Digitale Leseerfahrung“, die ich mit diesem Buch gesammelt habe, war ich dann aber durchaus überrascht, wieviele Tippfehler und falsche Wortrennungen in dem Buch enthalten sind. Ich wage zu bezweifeln, dass das in der gedruckten Version auch so ist. Woran das liegt – keine Ahnung, müsste man mal beim Verlag anfragen. Ich hoffe, dass diese Stichprobe ein Einzelfall bleibt.
Das Buch beinhaltet auch viele Fotos, die natürlich recht klein auf dem Bildschirm sind und natürlich auch in Graustufen, die aber denoch ganz gut wirken. Leider sind einige Fotos in sehr niedriger Auflösung, was ich auch dem Verlag als vermeidbare Fehler anlaste.

Dann habe ich mir auch noch ein freies Ebook aus dem Netz geladen, nämlich The Complete Works Of H.P. Lovecraft. Da der Kindle kein E-Pub kann, welches sonst auf allen gängigen E-Book Readern und in so ziemlich allen anderen Bücherstores abseits des Amazon Bookstore der Standard schlechthin ist, muss man auf die .mobi Version zugreifen. Die ist hier zum Glück verfügbar und der heruntergeladene Ordner kann auch einfach auf den Kindle gepackt werden, dann taucht das Buch im Homescreen auf. Aber hier habe ich dann auch schon mal einen Einblick in die Datenformathölle geworfen, die im Ebookmarkt derzeit herrscht. Es gibt nur wenige Bücher zu kaufen, die nicht mit einem Kopierschutz belegt sind, dadurch lassen sich die bei z.B. Thalia gekauften Epub Bücher nicht legal in ein .mobi Format umwandeln. Die ganze Branche wiederholt hier mit Ansage sämtliche Fehler, die die Musik- und Filmindustrie schon durchgemacht hat. Was in höchstem Maße peinlich ist. Amazon kann das eigentlich nur recht sein, da die Kindle Käufer somit komplett abhängig von Amazon sind. Man darf gespannt sein, wie sich diese Entwicklung fortsetzen wird. In Deutschland ist ein Preiskampf derzeit noch nicht möglich, da auch die Ebooks an die Buchpreisbindung gekoppelt sind. Und Platz für mehrere Anbieter, sei es an reinen Downloadshops, Readern oder Anbieter für beides, ist genügend vorhanden. Erwähnt sei hier nochmals Thalia. Totschlagargument hingegen Weltbild, deren 60€ Reader mit unfassbar schlechtem LC-Display ein schlichter Beweis sind, dass sie den Markt nicht verstanden haben. Ich hoffe, dass sie damit nicht zu viele Kunden von dem Markt vergraulen.

Bei Büchern, die es derzeit noch nicht auf dem Kindle gibt, hat Amazon einen Knopf eingefügt, der die Verlage benachrichtigen soll, dass es Interessenten für eine Kindle Version dieses Buches gibt. Was dieser Knopf genau macht, weiß man allerdings nicht. Wie wenig zimperlich Amazon mit den Verlagen umgeht ist auch fraglich, teilweise versuchen sie ja auch schon selbst als Verlag aufzutreten.

Zurück zum Kindle. Der Kindle kann auch pdfs lesen, die man einfach in den Inhaltsorder werfen kann, wenn man das Gerät per USB an den Rechner anschließt. Wichtige Dokumente, die ich regelmäßig als pdf lese, sind vor allem wissenschaftliche Paper (A4 Format, mehrere Spalten im Text, viele Abbildungen) und Vorlesungsscripte (Powerpointfolien als pdf gespeichert, also meist querformat oder zwei Folien auf einer A4 Seite gedruckt). Für beide Fälle ist der Kindle mit seinem 6“ Bildschirm definitiv nicht geeignet. Für eine A4 Seite ist der Screen, selbst im Querformat, einfach zu klein. Das Scrolling geht nur mit sehr großen Sprüngen und dafür ist das Display auch einfach zu langsam. Zoomen geht nur mit Anpassung der Seite an die Bildschirmbreite, nicht jedoch an die Höhe, und dann in weiteren Stufen von 50 oder gar nur 100% Schritten – damit disqualifiziert sich das Gerät auch für die Vorlesungsscripte. Schade, hier wäre mehr Potenzial drin gewesen. Wer hier gehofft hat, mit dem Kindle einen guten Kauf tätigen zu können, den rate ich lieber zum Kindle DX (Kindle mit 10“ Display, leider nur über Amazon.com zu bekommen, recht teuer und immer noch auf Softwarebasis des Kindle 2 verblieben) oder noch besser, zu einem iPad – dort macht das Lesen von pdfs richtig Spaß.

Einen Webbrowser, der zurecht unter der Option „Experimentell“ im Menü des Kindle geführt wird, bringt das Gerät auch mit. Völlig unbrauchbar, da der langsame Bildschirm und das Führen der Maus mit dem Steuerbutton eine reine Qual sind. Ist man mit dem Kindle im 3G Netz unterwegs (nur Kindle Keyboard), kann man nur die englische Wikipedia und die Amazonseiten erreichen, und natürlich den Kindle Bookshop (der allerdings als App, nicht als Website daherkommt). Meine Hoffnung ist daher, dass der Kindle nochmal ein SDK erhält, mit dem die App Entwickler von iOS und Co die Chance erhalten, geeignete Apps für den Kindle zu entwickeln und anbieten zu können. Mein Traum wäre ja, dass ich Apps wie Reeder, Articles (dann macht auch die Wikipedia wieder Spaß), Instapaper und Twitter (a.k.a. Twitterrific) auf dem Kindle nutzen könnte. Derzeit aber absolutes Wunschdenken.

Insgesamt bin ich aber mit dem Gerät derzeit mehr als zufrieden. Ich habe mir eine kompakte Lederhülle dazugekauft, mit der der Kindle sehr gut zu transportieren ist, und in der er auch beim Lesen angenehm zu halten ist. Das geringe Gewicht tut ihr übriges. Der Akku des Gerätes hält ewig, also kann man im Urlaub sein Ladekabel guten Gewissens zuhause lassen. Selbst Vielleser sollten locker durch einen ganzen Monat damit kommen. Der günstige Kindle 4, den ich besitze, hat einen internen Speicher von 2 GB. Das hört sich im ersten Moment als recht wenig an, reicht aber tatsächlich vollkommen für ganze Sammlungen aus. Jedes Ebook ist maximal wenige 100 KB bis ein paar MB groß. Bis man den Speicher damit gefüllt hat, hat das Gerät selbst seinen Lebenszyklus erfüllt, und bei der raschen Entwicklung der Reader derzeit gibt es sicher schon viel fortschrittlichere Geräte. Der Kindle touch gibt die Richtung vor.

Da alle Bücher und auch die Lesezeichen in der Cloud gespeichert werden, kann man auch mehrere Geräte (oder Apps) synchron halten. Ein Umstieg auf ein neueres Gerät wird dadurch auch erleichtert, da man ohne großen Aufwand den kompletten Bestand seines alten Kindles mitnehmen bzw. synchronisieren kann. Das ist sehr komfortabel. Und praktisch, falls der Kindle mal in den Pool gefallen ist oder so.
Es steckt noch viel Potenzial im Kindle bzw. in E-book Readern allgemein. Aber der Markt in Deutschland ist endlich reif. Klarer Kaufbefehl! Frohe Weihnachten.

Hörsuppe

Ein Wort zum Sonntag. Oder so. Jedenfalls möchte ich euch die Hörsuppe nahelegen. Gepflegt von Christian Bednarek, der genau wie ich nicht ohne die tägliche Dosis Podcasts auskommt und auf seine Weise darüber bloggt. Mit einer guten Prise Satire dazwischen und sehr auf Aktualität bedacht. Eine Empfehlung für den RSS Reader eurer Wahl.

hoersuppe.de
Twitter: @hoersuppe

Biografien 2011. Ein Fluch.

März 2011. Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg tritt vom Amt des Bundesverteidigungsministers in Folge der kurzen und heftigen Plagiatsaffaire zurück, und verliert auch seinen Doktortitel. Nur ein Tag zuvor ist seine schon lange geplante Biografie erschienen (und wird später in der zweiten Auflage mit dem Vorwort “Abgeschrieben” erweitert).

Oktober 2011. Steve Jobs, eine Ikone unserer Zeit, erliegt schließlich seinem Krebsleiden im Alter von nur 56 Jahren. Nur wenige Wochen, bevor seine lang erwartete Biografie endlich erscheinen wird.

Und ab vom Thema, aber der Vergleich des Originalcovers (links) mit der deutschen (mitte) und französischen Ausgabe (rechts) zeigt, welche Verlage die Apple Philosophie nicht verstanden haben. Wem es nicht auffällt: Hier weiterlesen

Eine von diesen Biografien werde ich lesen. Dreimal dürft ihr raten, welche das sein wird.

Der Schwarm

Mehrfach wurde es als Sünde betrachtet, dass ich lange Zeit “Der Schwarm” von Frank Schätzing nicht gelesen hatte. Nun, meine Freundin wollte mit diesem Missstand aufräumen und schenkte mir diesen Wälzer kurzerhand zum Geburtstag. Immerhin spielt sogar mein aktueller Arbeitgeber eine nicht unerhebliche Rolle in diesem Werk und Schätzing hat seinen Austausch mit den Kollegen seinerzeit mit deren Einbindung in den Roman gewürdigt.

Zum Buch selbst bin ich eher zweigeteilter Meinung. Annähernd tausend Seiten sind kein Pappenstiel, also habe ich mich auch gleich ans Werk gesetzt. Und in der Tat, der Beginn der parallel laufenden Handlungsstränge zieht einen sofort hinein und man macht sich als Leser mehr als nur ein paar Gedanken, wohin diese Handlung laufen wird. Dieser hochinteressante Part über die Weltmeere und Ozeane, die sich gegen den Menschen zu wenden scheinen und die Zahl der Katastrophen an den Küsten ins unermessliche gesteigert wird ist auch wirklich außerordentlich gelungen und zieht sich etwa die ersten 500 Seiten hin. Dazu kommen wirklich sehr spannende Charaktere und Hauptfiguren, deren Handlungen weitestgehend nachvollziehbar bleiben und die im weiteren Verlauf des Buches natürlich genau wie die verschiedenen Handlungsstränge aufeinandertreffen. Doch genau in diesem Punkt steht das Buch plötzlich an einem Scheideweg und schafft es nicht wirklich, mich von dem weiteren Verlauf zu überzeugen. Zu abgedreht erscheint das letzte Drittel des Buches, ja enttäuscht mich gar mit den an mir erweckten Erwartungen, die im ersten Drittel geschürt werden. Ich mag aber auch nicht behaupten, dass ich das Ende des Buches nicht gern gelesen habe, ganz im Gegenteil. Ich kann mich auch ein wenig in Schätzing hineinversetzen, wie sich die ganze Geschichte in seinem Kopf entwickelt haben kann und wie er sie nach seiner Recherche hinuntergeschrieben hat.

Insofern mein abschließendes Urteil: Im Nachhinein würde ich nicht unbedingt behaupten, dass es eine Sünde ist, dieses Buch nicht gelesen zu haben. Lesenswert ist es aber allemal, auch natürlich, um sich seine eigene Meinung zu bilden (und spoilern möchte ich natürlich möglichst nichts). Auch war dies das erste Werk, was ich von Schätzing gelesen habe, und es soll auch nicht das letzte bleiben.

Frank Schätzing – Der Schwarm
2004 erschienen im Kiepenheuer & Witsch Verlag
ISBN 3-462-03374-3, 3-596-16453-2 (Taschenbuch Ausgabe)
956 Seiten (Taschenbuch Ausgabe)

Nicht zu bremsen

Huch? Ein Buchtipp? Ja, das muss auch mal sein. Zuletzt habe ich ein Buch gelesen, welches mich sehr bewegt hat. Genauer die Autobiographie von Alessandro Zanardi. Ich als jemand, der seit Mitte der 90er vielleicht insgesamt nur fünf Formel 1 Rennen verpasst hat (kein Witz), wusste natürlich auch über das Schicksal von Alex Zanardi Bescheid, ein Name, der mir bis zum Jahr 2001 nur als “der Teamkollege von Ralf Schumacher 1999″ bekannt gewesen ist. Dennoch, er war Fahrer in der Königsklasse des Motorsport, und das bedeutet für mich, dass sich viele solcher Namen ins Gedächtnis eingebrannt haben. Dann hörte ich, eher zufällig, da am 15. September 2001 die Medien natürlich mit einem ganz anderen Ereignis voll beschäftigt waren, von dem Unglück auf dem Lausitzring. Zanardi, als Rückkehrer in die Champ-Car Serie, in der er 1997 und 98 große Erfolge verzeichnet hatte und dort Meister geworden war, hatte einen folgenschweren Unfall, bei dem er beide Beine verlor.

Zanardi schaffte es, diesen herben Rückschlag zu verarbeiten, sich wieder hochzukämpfen und sogar wieder in einen Rennwagen zu steigen. Seinen Karriereabschluss schließlich fand er bei den Tourenwagen im BMW-Team. Als ich 2009 in Oschersleben das WTCC Rennen besuchte, und dort so durch das Fahrerlager stapfte, lief mir plötzlich Alex Zanardi über den Weg. Ich bemerkte es erst, als er schon vorbei gegangen war, so unscheinbar und selbstverständlich marschierte er mit seinen Prothesen dort entlang. Dies ist mein “personal Zanardi moment”, das werde ich auch nie vergessen.

Dieses Buch behandelt seine Geschichte bis zu dem Zeitpunkt, als er gelernt hat, mit den neuen Prothesen zu laufen und die berühmten 13 Runden auf dem Lausitzring zu Ende fahren konnte. Es beginnt mit seinen Anfängen als Rennfahrer im Kartfahren. Recht ausführlich werden dann seine nächsten Schritte und Erfolge in der Formel 3, der Formel 3000, den ersten Gehversuchen in der Formel 1 Anfang der 90er und dann der Wechsel in die amerikanische Champ-Car Serie beschrieben. Sein 99er Formel 1 Intermezzo wird leider nur sehr kurz abgehandelt, welches für ihn ja auch recht erfolglos blieb, er erwähnt aber auch sehr genau, was die Formel 1 von der amerikanischen Formel Serie unterscheidet und was zu dieser Zeit in der Formel 1 alles schief lief. Recht kompromisslos, aber dann doch wieder mit dem gebührenden Respekt, fährt er hier über andere Verantwortliche und Fahrer her. Etwas schade ist, dass die Übersetzung aus dem Italienischen ins Deutsche an vielen Stellen recht holprig ist. Wenn dann plötzlich von “schnellsten Runden in der Aufwärmrunde” die Rede ist, weiß man, dass “Warm-Up” mal wieder falsch übersetzt wurde. Wer sich hiervon aber nicht großartig ablenken lässt, erfährt hier über eine wirklich beeindruckende Rennfahrerkarriere eines großen Mannes, mit all seinen Höhen und leider auch vielen Tiefpunkten.

Am Ende des Jahres 2009 beendete Alex Zanardi seine Karriere. Bestimmt sitzt er wieder daheim in Italien in der Werkstatt seines Vaters und bastelt an Motorrädern herum, und genießt das Leben zusammen mit seiner Familie. Er hat es sich verdient.

Alex Zanardi – Nicht zu bremsen
Deutschsprachige Ausgabe erschienen im Goldmann Verlag
ISBN-13: 978-3-442-15367-1
501 Seiten