Odyssee mit Turkish Airlines

Im meinem Beruf als mariner Geophysiker bin ich hin und wieder auch auf Forschungsschiffen unterwegs. Da diese Forschungsfahrten teils in entlegenen Winkeln des Globus stattfinden ist es unabdingbar, dort erst einmal hinzufliegen und dann an Bord zu gehen (ich erwähne dies, da ich häufig die Frage gestellt bekomme, in welchem deutschen Hafen ich denn an Bord gehe). So auch dieses Mal.

Die Forschungsfahrt mit dem französischen Forschungsschiff Pourquoi Pas? fand im Schwarzen Meer statt, ausgehend von Constanta, Rumänien. Constanta hat einen Flughafen, der allerdings nicht oft angeflogen wird. Turkish Airlines bedient diesen Flughafen von Istanbul aus etwa alle zwei Tage. Da wir an einem Dienstag früh morgens rausfahren wollten, mussten wir also schon am Sonntag zuvor anreisen – der nächste Flug wäre erst am Dienstag nachmittag angesetzt gewesen.

Doch schon in Hamburg befürchteten wir, dass es in Istanbul Probleme geben würde. Der Flug, geplant für 7:05 Uhr, war auf 8 Uhr verschoben worden. Damit schmolz das Umsteigepolster in Istanbul von 1,5h schon auf ein Minimum zusammen. Doch es zögerte sich immer weiter hinaus, um 8 Uhr hatte noch nicht einmal das Boarding begonnen. Bei Ankunft in Istanbul hatten wir schlussendlich 2h Verspätung, und der Flug nach Constanta war bereits weg. In so einem Fall muss also die Fluggesellschaft dafür sorgen, dass man irgendwie am Ziel ankommt. Da der nächste Flug nach Constanta nunmal erst zwei Tage später ging, bot man uns an, uns nach Varna, Bulgarien umzuleiten, von wo die Kollegen von Turkish Airlines uns einen Transport nach Constanta organisieren würden. Nach Rücksprache mit unserem Reisebüro war das auch deren preferierter Vorschlag.

Unser Gepäck musste natürlich auch umgeleitet werden, also stellte man uns am Transfer Desk von Turkish Airlines direkt ein neues Gepäck-Tag aus, mit Ziel Varna. Das alte behielten sie dort, doch zum Glück hatte ich es zuvor instinktiv fotografiert für den Fall, dass ich es verlieren sollte. Im Nachhinein eine sehr schlaue Entscheidung. Der Flug nach Varna war allerdings erst für 1 Uhr morgens angesetzt, also bot man mir an, bis dahin in einem Hotel unterzukommen. Mein mitreisender Kollege, gebürtiger Inder, blieb derweil im Ruhebereich von Turkish Airlines, da er das E-Visa zur Einreise in die Türkei nicht zahlen wollte- immerhin 50€. Mit meinem deutschen Reisepass fühle ich mich in solchen Situationen echt schäbig, da es damit in diesen Ländern überhaupt keine Probleme gibt. Als ob ich bloß durch dieses Dokument ein besserer Mensch wäre. Nun denn.

Ich ließ mich also zum Hotel bringen, das Park Inn Hotel in Istanbul, recht nobel sogar. Dort konnte ich mich ausruhen (immerhin war ich seit 2:30 Uhr auf den Beinen), bekam dort ein Abendessen und wurde dann gegen 22:30 zurück zum Flughafen gebracht. Bis hierhin war die Sache noch ganz ordentlich geregelt. Auch mit der Tatsache, dass der Flug nach Varna ebenfalls um über eine Stunde verspätet abhob, hatte ich zu diesem Zeitpunkt kein Problem.

In Varna trat dann allerdings das Worst-Case-Scenario ein: Unser Gepäck war nicht im Flugzeug. Nur knapp etwas mehr als ein Tag, bevor wir mit dem Schiff auslaufen. Urgs! In solch einer Situation also muss man als erstes zum Lost & Found gehen und ein Formular ausfüllen. Hier war von Vorteil, dass ich beide Gepäcktags besaß – den usprünglichen von Hamburg als Foto, und den nachträglich nach Varna ausgestellten im Original. Man bekommt eine neue Trackingnr, unter der dann die Gepäcksuche läuft. Und ein Survivalkit mit dem nötigsten (Zahnbürste, Einwegrasierer, weißes T-Shirt Größe L, Socken etc). Das Problem hierbei war jedoch, dass unser Gepäck ja nicht nach Varna geliefert, sondern schlussendlich in Constanta landen sollte – sprich auch noch in einem anderen Land. Wir waren ratlos, wie das auf die Schnelle geregelt werden sollte. Der Flughafen in Varna ist recht klein, aber es gibt dort ein Service-Office von Turkish Airlines. Die beiden Mitarbeiter dort waren sehr freundlich und hilfsbereit, und haben sich sehr für uns eingesetzt, auch bei der Gepäcksuche. Sie waren sehr entzürnt über die Kollegen in Istanbul, die ihnen keine Nachricht über unseren Fall geschickt haben. Denn früh morgens um 4 Uhr jemanden zu finden, der uns mal eben über die Grenze fährt, war eine Herausforderung. Um 9 Uhr war aber tatsächlich jemand von einer Autoverleihfirma da, hatte sämtlichen Papierkram für die Grenzüberquerung ausgefüllt, und wir konnten los. Vom Gepäck fehlte immer noch jede Spur. Seltsamer noch – das Computersystem zeigte an, dass unser Gepäck in Istanbul niemals gesichtet wurde. Ob das aber für das neu ausgestellte Gepäck-Tag galt oder das alte, wussten sie auch nicht zu sagen. Wie funktioniert das eigentlich, rennt da jemand zu unserem Gepäckstück hin, reißt das alte Band ab und klebt das neue drauf? Jedenfalls waren wir ratloser als zuvor, denn es war auf einmal nicht mal klar, ob die Koffer in Hamburg je ins Flugzeug geladen wurden.

Um 9 Uhr ging es jedenfalls los. Constanta liegt 120 km nördlich von Varna. Die Straßen sind ok, doch nach ungefähr 40 Minuten hält der Fahrer an, telefoniert, fragt an einer winzigen Tankstelle nach irgendwas, telefoniert wieder… da er kein englisch kann, erklärt uns jemand am Telefon, was das Problem ist: es fehlt noch ein wichtiges Dokument, das für die Grenzüberquerung notwendig ist. Das wird uns nachgeliefert – natürlich auch erst 40 Minuten später. Dann geht es aber wirklich weiter, über die Grenze (und da mein Kollege immer noch einen indischen Pass mit sich führt, dauert die Grenzkontrolle ne halbe Ewigkeit) bis zum Hotel, in dem wir ursprünglich bis zu dem Tage hätten unterkommen sollen. Etwas an der Fahrweise fand ich ungewöhnlich – der junge Fahrer fuhr eigenartig vorsichtig. Man merkte, dass er schneller fahren wollte, vor allem wenn er ewig lang hinter langsamen LKWs fuhr. Ich saß direkt hinter ihm und konnte sehen, dass die Straße frei wäre zum Überholen. Und er kniff mit einer Hand immer ein Auge zusammen. Für mich ein Zeichen, dass er sehr kurzsichtig ist und dringend eine Brille braucht. Im Nachhinein war die Fahrt doch recht gefährlich gewesen…

Nun denn, da waren wir, in Constanta, mittlerweile 12 Uhr mittags. Seit 33 Stunden unterwegs, seit 2,5 Tagen kaum geschlafen. Im Hotel klärten wir die Sache mit dem Gepäck, dass ja am nächsten Tag hierher geliefert werden sollte. Die Ausfahrt geht bis zum 15.9., und wir würden dann noch eine Nacht dort unterkommen. Wir mussten dann auch direkt zum Schiff, da unsere Pässe dort gebraucht wurden. Die Immigrationsbehörde wollte in diesem Fall jede Person an Bord mit dem Passfoto vergleichen – und dazu mussten erst einmal alle an Bord sein. Solange hieß es also warten, bis knapp 18:30h. Da wir am nächsten Morgen rausfahren wollten und nun mehr als absehbar war, dass das Gepäck bis dahin nicht vor Ort sein würde, mussten wir also noch hastig zu einer Mall fahren und das nötigste einkaufen: Shorts, T-Shirts, Unterwäsche, Socken, Drogerieartikel etc. Zum Glück hatte die Mall bis 22 Uhr geöffnet, und wir gaben jeder knapp 150€ aus – zum ausgiebigen Shoppen war keine Zeit, sonst hätte ich die günstigen Preise besser nutzen können. Auf der Taxifahrt zurück zum Hotel wurden wir dann auch noch betrogen, der Taxifahrer verlangte den vierfachen Preis im Vergleich zur Hintour, und machte auf der Rechnung seine Taxinr. unkenntlich.

Zurück auf dem Schiff freute ich mich endlich auf etwas Schlaf. Ich schilderte diesen Fall dann noch dem Support von Turkish Airlines via Twitter, die auch noch einmal tätig wurden. Der weiterlaufende Kontakt war dann natürlich eingeschränkt, denn unterwegs auf dem Schiff können nur Mails gecheckt werden. Mobile Kommunikation incl. Twitter und SMS sind nicht möglich. Eine Mail bekam ich dann tatsächlich am späten Nachmittag mit der Nachricht, das mein Gepäckstück eventuell gefunden wurde, dies müsste noch bestätigt werden. Bedeutet also, dass es bis dahin nicht zum Hotel geschickt wurde wie versprochen. Aber aus dieser Position war ich eh machtlos und verfolgte die Sache weiter…

Dann, am 2. September, erhielt ich endlich die Nachricht: Unser Gepäck war im Flug von Istanbul nach Constanta am 1. September – das wäre auch der nächste reguläre Flug von Istanbul nach Constanta gewesen. Meine Vermutung ist also, dass das Gepäck in Istanbul nie auf den Varnaflug umgestempelt wurde, und unser neues Gepäcktag sinnlos war. Naja, vielleicht nicht ganz. Nochmals gab es einen längeren Austausch per Mail – sie würden unser Gepäck in Constanta bis zum 14.9. aufbewahren und dann zu unserem Hotel liefern, zu dem wir am 15.9. zurückkehren sollten. Auch gut. Ich musste dann noch ein Formular für den Zoll ausfüllen, unterschreiben und wieder einscannen. Auch meine Rechnungen für die Ausgaben in Constanta schickte ich hin. Mir wurde jedoch mitgeteilt, dass ich einen Entschädigungsanspruch erst ab dem zweiten Tag ohne Gepäck hätte – und wenn man hier mal ein Gedankenspiel macht, hätte das ein Problem werden können: Da wir erst am 31.8. in Varna gelandet sind, und am 1.9. das Gepäck hinterherkam, wäre diese Regel somit nicht erfüllt. Hier musste ich also noch einmal vehement darauf hinweisen, dass das Gepäck (zusammen mit mir) am 30.8. in Constanta hätte sein sollen, und dass ich den Hinweis, das Gepäck wäre nun in Constanta, erst am 2.9. bekommen habe.

An Bord konnten wir trotz allem unsere Arbeit aufnehmen. Sämtliche Daten, die für die Ausfahrt wichtig waren, hatte ich im Handgepäck auf einem kleinen Rechner dabei. Die Stromkabel nicht – da hat dann der Elektriker sich was zusammengelötet. Da wir auf dieser Fahrt nicht an Deck mithelfen brauchten, war es auch nicht schlimm, dass ich keine Sicherheitsschuhe dabei hatte. Im Verlauf der zweiten Woche bekam ich dann auch die Bestätigung, dass man mir meine Unkosten erstatten würden.

Und tatsächlich – als wir dann am 15.9. wieder im Hotel eincheckten, wartete dort schon das Gepäck auf uns. Und noch besser – Vorm Abflug bekam ich am Schalter von Turkish Airlines tatsächlich sämtliche Kosten erstattet, für die ich Quittungen vorlegen konnte. Insgesamt 536 Rumänische Leu bekam ich bar auf die Hand, umgerechnet 120€. Die konnte ich dann wiederum erst zuhause wieder in Euro umtauschen.

Um diese Odyssee also doch noch zu einem positiven Fazit zu bringen: Mit einem ungeöffneten Koffer nach einer längeren Reise nach Hause zu kommen bedeutet auch – Die Wäsche ist sauber.

Wichtige Erkenntnisse eines solchen Erlebnisses:
-Fluggastrechte sind eine gute und wichtige Sache, und werden von den Airlines sehr ernstgenommen
-Gepäcktags sind enorm wichtig – macht euch unbedingt eine Kopie mit dem Handy!
-Wechselwäsche für eine Nacht im Handgepäck ist sehr praktisch – hier ein toller Lifehack, den ich jedes Mal befolge
-lebenswichtige Dinge (in meinem Fall etwa zur Diabetesversorgung) und Dokumente, Daten etc, auf die ihr wirklich nicht verzichten könnt oder dürft – grundsätzlich im Handgepäck mitführen – und keine Ausnahmen machen!

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